Karls wundervolles Geheimnis

Glasperlen und Clownschnürsenkel- Ein Geschenk, das durch die Hand geht

Es gibt Geschichten, die man nur bei einer Tasse Kakao hören kann. Am besten mit einem Stück kalter Hundeschnauze auf dem Teller, dem Duft von Sägemehl und Popcorn noch in der Nase und einer Oma, die sich Zeit nimmt.

Genau so hat es bei mir angefangen. Als kleiner Junge war ich mit meiner Oma regelmäßig im Zirkus – wegen der Tiere, der Manege, und vor allem wegen der Clowns, für die ich ein echtes Faible hatte. Aber der eigentliche Höhepunkt dieser Ausflüge spielte sich nicht in der Manege ab, sondern danach, wenn wir zusammensaßen und Oma anfing zu erzählen. Von Karl und Berta, meinen Urgroßeltern, deren Geschichte ich euch schon im Beitrag „Zauberhafte Vorfahren“ vorgestellt habe. Zwei Menschen, die ihr Leben im Zirkus verbracht haben – und dabei Dinge erlebt haben, die sich manchmal lesen wie ein Märchen.

Ein Hochzeitstag auf Wanderschaft

Mit dem Zirkus Renz waren Karl und Berta unterwegs, als ihr Hochzeitstag auf die Tournee fiel. Kein festes Zuhause, keine opulente Feier – nur die Manege, die Kollegen und das Leben aus dem Koffer. Für Karl der Moment, Berta etwas Besonderes zu schenken. Etwas, das nicht gekauft, sondern selbst gemacht war.

Er hatte sich in aller Stille vorbereitet. Aus Holz fertigte er ein kleines Kästchen in Buchform – handgemacht, sorgfältig gearbeitet. Darin: eine Kette. Keine aus Gold oder Silber, denn das Geld war knapp, wie so oft in dieser Zeit. Stattdessen: einfache Glasperlen. Und als Schnur? Die ausgedienten Schnürsenkel seiner Clownschuhe.

Es hätte ein rührendes, bescheidenes Geschenk sein können – und war es auch. Aber Karl hatte noch etwas im Petto.

Das kleine Wunder

Berta streckte ihre Hand aus, so wie Karl es erbat. Er legte die Glasperlen hinein, schloss zärtlich ihre Faust – die Schnürsenkel baumelten rechts und links heraus. Dann legte er die Enden zu einer Schleife über ihre Faust, nahm die beiden anderen Enden in seine Hand, zählte bis drei.

Und zog.

Langsam, aber bestimmt.

Was dann geschah, brachte Berta zum Schweigen. In Karls Hand strafften sich die Schnürsenkel – und in ihrer geöffneten Faust lagen die Perlen. Einfach so. Als hätten die Bänder ihre Hand durchdrungen. Als wäre es Magie gewesen.

Sie haben an diesem Abend gelacht. Und an vielen Abenden danach.

Das Geschenk landete im selbstgebauten Kästchen, das Kästchen wanderte mit Berta durchs Leben – und blieb bei ihr bis zu ihrem Tod. Dann ging es weiter an ihre Tochter: meine Großmutter Thekla.

Das Kästchen, das durch die Familie geht

Ich erinnere mich noch genau an den Moment. Oma stand auf, verschwand kurz ins Schlafzimmer und kam mit dem kleinen hölzernen Büchlein zurück. Sie legte es mir in die Hände – mit der Bitte, es in Ehren zu halten und in der Familie weiterzugeben.

Natürlich!

Ein Kunststück mit Geschichte

Das Kunststück ist inzwischen eines meiner liebsten geworden. Bei meiner Aufnahmeprüfung in den MZvD baute ich ein kleines Programm rund um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und dieses Stück durfte natürlich nicht fehlen. Schließlich steckt darin eine echte Geschichte. Eine, die nach Kakao und Zirkus riecht.

Vielleicht führe ich es dir eines Tages auch persönlich vor.

Ich möchte dir das Video der Prüfung natürlich nicht vorenthalten:

Wenn Dir dieses Kunststück gefallen hat, so lass gerne einen Kommentar oder schaut Dir meinen YouTube-Channel an: --> zu YouTube

Teil 2 (Der Fotograf) und Teil 3 (Die Zeitkapsel) findest du in der rechten Menüleiste unter „Zauberhaftes“.

2 Meinungen zu “Karls wundervolles Geheimnis

  1. Pingback: Zauberhafte Vorfahren – magic moments

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